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Das Straßenhund-Dilemma
Mind the Dog Podcast — Blog

Das Straßenhund-Dilemma

Ein Gespräch mit Christoph Siegenthaler, Hundetrainer & Verhaltensberater, Treuhundbüro

Straßenhunde retten – das klingt nach einer klaren, guten Sache. Ein Hund, der bisher auf der Straße gelebt hat, kommt zu uns, bekommt ein Zuhause, ein Körbchen, Sicherheit. In der aktuellen Folge von Mind the Dog geht es um den Auslandstierschutz – und um eine Krise, die die UNO mittlerweile zu einem der drei größten Probleme weltweit zählt. Zu Gast ist Christoph Siegenthaler, Hundetrainer und Verhaltensberater vom Treuhundbüro im Berner Seeland, der viel wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema mitbringt. Genau das macht den Blick auf dieses Thema so wertvoll: Er hilft, die Straßenhundekrise jenseits von Mitleid und gutem Willen zu verstehen. Wenn du überlegst, einen Hund aus dem Tierschutz aufzunehmen, oder einfach wissen willst, was hinter dieser Krise steckt, findest du hier die wichtigsten Punkte aus dem Gespräch – und ein bisschen mehr.

Über den Gast

Christoph Siegenthaler ist Hundetrainer und Verhaltensberater. Zusammen mit seiner Partnerin Amanda hat er das Treuhundbüro im Berner Seeland gegründet. Mehr über seine Arbeit findest du unter treuhund.ch.

Wie groß ist das Problem wirklich?

Die meisten Menschen haben ein Bild im Kopf: Ein paar arme Straßenhunde hier und da, der Rest der Hunde lebt bei Menschen. Tatsächlich ist es umgekehrt. Etwa drei Viertel aller Hunde, die auf diesem Planeten leben, sind freilebende Straßenhunde. In Europa liegt das Verhältnis bei ungefähr fifty-fifty. Allein für Europa geht man von schätzungsweise 70 bis 90 Millionen Straßenhunden aus, wobei Russland dabei ein echtes Datenloch ist, weil es kaum verlässliche Zahlen gibt. Portugal ist übrigens das einzige Land, das regelmäßig eine saubere statistische Erhebung macht. Diese Größenordnung ist einer der Gründe, warum die UNO die Straßenhundekrise inzwischen zu einem der drei größten globalen Probleme zählt – neben den gesundheitlichen Risiken durch Zoonosen (also Krankheiten, die von Tier auf Mensch übertragen werden können, zum Beispiel Tollwut), der Bedrohung anderer Tierarten und den direkten Gefahren für Menschen. Allein in Bukarest wurden 2014 über 15.000 Menschen wegen Hundebissen behandelt. Und es gibt Studien, die schätzen, dass in Europa bereits 188 Wirbeltierarten durch Straßenhunde ausgestorben sind – meist kleinere Tiere wie Eidechsen, aber auch größere Wild- und Nutztiere stehen auf dem Speiseplan freilebender Hunde in ländlichen Regionen.

Die Straßenhundekrise in Zahlen

Etwa 3 von 4 Hunden weltweit leben freilebend auf der Straße. Allein für Europa schätzt man 70 bis 90 Millionen Straßenhunde. Die UNO zählt die Krise inzwischen zu einem der drei größten globalen Probleme.

Warum Einfangen und Töten allein nicht funktionieren

Der naheliegende Gedanke ist: Wenn es zu viele Hunde gibt, muss man eben Hunde entnehmen. Doch genau das funktioniert kaum. Eine Untersuchung der Verhaltensforscherin Friederike Range in Marokko zeigt das eindrücklich: Eine stabile Population von rund 200 Hunden wurde um 50 Tiere reduziert – und war innerhalb von zwei bis drei Monaten wieder vollständig aufgefüllt, weil Hunde aus den Nachbargebieten nachgerückt sind. Dieser Vakuum-Effekt zeigt sich auch bei der Türkei, die zwischen 2004 und 2024 rund 20 Jahre lang jährlich 70 bis 90 Millionen Euro in eine Einfangen-Kastrieren-Impfen-Freilassen-Strategie investiert hat. Trotzdem wuchs die Population von geschätzten 1,5 bis 2 Millionen auf mittlerweile 5 bis 10 Millionen Hunde. Ein Grund: Die Kastrationsquote wurde nie flächendeckend erreicht – in einer Region lag sie bei 97 Prozent, in der Nachbarregion bei null, und die Population glich sich einfach wieder aus. Länder, in denen das Vorgehen funktioniert hat, wie Irland, Großbritannien oder die Niederlande, hatten zwei Dinge gemeinsam: Sie haben sehr schnell und sehr konsequent gehandelt, und sie hatten kaum Zulauf von außen. Das lässt sich auf große, offene Landesgrenzen kaum übertragen. Nüchtern betrachtet spielt am Ende oft das Geld die entscheidende Rolle: Kastrieren, Impfen und Freilassen kostet pro Hund deutlich mehr als das Töten eines Hundes – und viele Länder mit begrenzten Mitteln entscheiden sich schlicht für den günstigeren Weg.

Was mit einem Hund passiert, der plötzlich „gerettet" wird

Für den einzelnen Hund beginnt die Geschichte oft schon belastend. Hundefänger sind meist männlich und fangen Hunde nicht selten mit Würgeschlingen ein – eine mögliche Erklärung dafür, warum in der Verhaltensberatung auffällig viele Tierschutzhunde Angst vor Männern, besonders vor bärtigen Männern, zeigen. Auch der Transport selbst kann traumatisch sein: Eine aktuelle Forschungsarbeit zu Transporten aus Spanien und Bulgarien nach Deutschland zeigt, dass allein die Art des Transports späteres Angst- und Aggressionsverhalten begünstigen kann. Und dann ist da noch die grundlegende Frage, wie gut sich ein Hund überhaupt noch an ein Leben mit Menschen gewöhnen kann. Der Verhaltensforscher Adam Miklósi vertritt die These, dass Hunde, die länger als sieben Monate auf der Straße gelebt haben, kaum mehr eine sichere Bindung zum Menschen aufbauen können. Eine Studie von Corrieri und Kolleg:innen an sogenannten Bali-Dogs unterstützt dieses Bild: Adoptierte Straßenhunde zeigten danach mehr Aggressionsverhalten – gegenüber Menschen wie gegenüber Artgenossen –, mehr, teils ungerichtetes Jagdverhalten und deutlich weniger Ruhephasen als ihre Artgenossen, die weiterhin frei lebten. Als Hauptgründe gelten mehr erzwungene Aktivität durch den Menschen und der Verlust von „Freedom of Choice" – also die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wann man frisst, sich löst oder sich zurückzieht. Besonders anschaulich ist eine Geschichte der indischen Forscherin Sindoor Pangal: Manche Straßenhunde in Indien „checken" abends bei hundefreundlichen Menschen ein wie bei Airbnb und ziehen am nächsten Morgen wieder aus. Einer dieser entspannten, freundlichen Hunde wurde adoptiert, bekam ein Halsband und wurde eingesperrt – und wurde daraufhin depressiv und aggressiv.

„Stellt euch vor, aus eurem Leben werdet ihr einfach entnommen, werdet irgendwie zu Aliens gebracht und dürft keine einzige freie Entscheidung mehr treffen."

Warum Vermittlung so oft schiefgeht

Ein zweites großes Thema ist die Vermittlung selbst. In der Verhaltensberatungspraxis fällt auf, dass auffällig viele Tierschutzhunde im Training landen – und zwei Gründe stechen dabei heraus. Zum einen unpassende Vermittlungen: ein Herdenschutzhund bei einer fast 80-jährigen Person, die kaum sieht und hört, oder ein Hund, der zwölf Stunden am Stück allein bleiben muss, weil niemand daran gedacht hat, das Alleinebleiben aufzubauen – nur weil der Hund erwachsen ist. Genau das wird häufig übersehen: Ein Straßenhund, der nie in einer Wohnung war, muss trotz seines Alters vieles wie ein Welpe lernen, von der Stubenreinheit bis zum entspannten Alleinsein. Zum anderen liegt es daran, dass sich vom Verhalten im Shelter kaum auf das spätere Verhalten im neuen Zuhause schließen lässt. Bestehendes Angstverhalten zeigt sich meist auch später, doch Aggressionsverhalten ist praktisch nicht vorhersagbar – eine US-Studie zu sogenannten Wesenstests, die über Vermittlung oder Einschläferung entscheiden, kam zu dem Ergebnis, dass diese Tests kaum Vorhersagekraft haben. Bei einer Masse von teils über hundert Hunden auf wenige Betreuungspersonen ist eine wirkliche Persönlichkeitseinschätzung ohnehin kaum zu leisten.

Adoption löst das globale Problem nicht

So wichtig Adoption für das einzelne Tier sein kann – sie ist keine Lösung der globalen Krise. Wissenschaftlich betrachtet ist eine Adoption ebenfalls eine Entnahme aus einer Population, mit einem ähnlichen Vakuum-Effekt wie bei einer Tötung, nur eben individuell besser für den betroffenen Hund. Um eine Population wirklich stabil zu halten, bräuchte es laut Forschung eine Kastrations- beziehungsweise Vasektomiequote von rund 98 Prozent – und zwar nicht nur bei Straßenhunden, sondern auch bei Haushunden, die oft frei herumlaufen. Als besonders sinnvoll gilt dabei die Vasektomie statt der vollständigen Kastration, weil kastrierte Rüden ihr Revier nicht mehr gegen neu einwandernde, intakte Rüden verteidigen, ein vasektomierter Rüde aber schon. Dazu kommt, was in einem EU-Bericht zur Situation in der Türkei als eigentliche Lösung beschrieben wird: bessere Müllentsorgung, mehr Tierärzt:innen und Tierheime vor Ort, mehr kompetente Hundetrainer:innen und eine bessere wirtschaftliche Situation der Menschen vor Ort. Das ist am Ende eine politische und finanzielle Frage – und eine, die kein einzelnes Land allein lösen kann, solange Nachbarregionen nichts unternehmen.

Was das für dich bedeutet, wenn du einen Tierschutzhund aufnehmen möchtest

Auslandstierschutz ist damit nicht grundsätzlich falsch. Aber er verdient einen genaueren Blick, bevor man sich entscheidet. Informiere dich vor einer Adoption genau über die Organisation: Gibt es eine Pflegestelle, bei der der Hund schon eine Weile lebt, bevor er vermittelt wird? Meldet die Organisation den Hund selbst bei den zuständigen Behörden an? Zeig Fotos und Videos vor der Entscheidung gerne einer Trainerin oder einem Trainer – oft lassen sich schon dort erste Hinweise erkennen. Und plane von Anfang an ein, dass ein Hund, der einmal ein sehr eigenständiges Leben geführt hat, Zeit braucht, um in einem völlig neuen Leben anzukommen – manchmal Monate, manchmal länger. Alleinebleiben, Stubenreinheit, der Umgang mit Kindern oder anderen Hunden: All das gehört ins Training, auch wenn der Hund längst erwachsen ist. Ein Straßenhund ist kein dankbares Wesen, das nur darauf wartet, dass wir ihm sagen, was es zu tun hat. Er ist ein eigenständiges Lebewesen mit einer eigenen Geschichte – und genau die verdient es, ernst genommen zu werden.

Startklar-Webinar

Wenn du überlegst, einen Tierschutzhund aufzunehmen, oder gerade dabei bist, dich mit deinem neuen Hund einzugewöhnen: Am 14.09.2026 findet mein Live-Webinar „Startklar" statt – dort bereite ich dich auf die Zeit vor und nach der Abholung vor.

Jetzt zum Webinar anmelden

Wenn du noch tiefer in dieses Thema einsteigen möchtest, hör dir gerne die ganze Podcastfolge mit Christoph Siegenthaler an – dort findest du auch noch mehr Studien, Beispiele aus der Praxis und eine sehr schöne, sehr chaotische Badetuch-Geschichte zum Schluss.

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