Dein Hund bellt andere Hunde an, springt in die Leine, und Spaziergänge fühlen sich an wie ein Hindernislauf? Dann hast du vermutlich schon vieles ausprobiert und einiges gehört: kurz nehmen, abblocken, konsequent bleiben. Viele Haltende landen genau an diesem Punkt in der Hundeschule, weil es trotz aller Mühe nicht besser wird.
Wie ein Weg heraus aussehen kann, zeigt ein Trainingsfall von Gerd Schreiber. Gerd ist Berater für Menschen mit Hunden, führt eine kleine Hundeschule in der Nähe von Lüneburg, ist Vorstandsmitglied beim IBH, einem Berufsverband für gewaltfreies Hundetraining, und bildet in der Schweiz bei Cum Cane Familiari Hundetrainerinnen und Hundetrainer aus. Sein Fall ist ein Schäferhund-Mix, bei dem Hunde, Menschen und Autos schwierig waren. Über diesen Fall hat er im Podcast Mind the Dog mit Anja Petrick gesprochen.
Auf den Punkt
Bei diesem Hund hat nicht die eine Übung den Unterschied gemacht. Abstand, ein Markersignal beim Hinschauen, Ausweichmöglichkeiten und Menschen, die ihren Hund lesen konnten, haben zusammengewirkt. Am Ende ging der Hund deutlich entspannter durch die Welt.
Bevor du übst: Was wurde schon versucht, und was löst wirklich aus?
Die beiden Haltenden in Gerds Fall hatten einiges hinter sich. Mehrere Hundeschulen, darunter Online-Angebote, hatten das Problem nicht gelöst, teilweise war es sogar schlimmer geworden. Sie hatten versucht, das Verhalten zu verhindern: Leine kurz, Hund zurückdrängen, „Nein“ sagen, an Auslösern zügig vorbeigehen, damit sich der Hund am Menschen orientiert.
Deshalb fragt Gerd im Erstgespräch zuerst: Was habt ihr schon gemacht, und wie habt ihr reagiert, wenn der Hund ausgelöst hat? Das ist keine Bewertung. So erkennt er, was bereits trägt und wo eine gute Idee in der Umsetzung hakt. Denn nur weil jemand positiv trainieren möchte, ist die Umsetzung noch nicht automatisch positiv für den Hund.
Nach der Vorgeschichte des Hundes fragt er dagegen nicht als Erstes. Woher der Hund kommt, lässt sich nicht mehr ändern. Wichtiger sind die Auslöser, also das Moped, der schwarze Hund, das Auto, und die Funktion des Verhaltens. Will der Hund hin und ist frustriert? Will er den anderen vertreiben? Ist er unsicher? Das erzählt der Hund selbst über seine Körpersprache. Gerd redet deshalb in den ersten zwanzig bis dreißig Minuten wenig und beobachtet, wie der Hund reagiert und wie die Menschen ihn belohnen.
Tipp aus der Praxis
Wer Futter erst aus einer Dose fummeln muss, hat den Moment zum Belohnen meist schon verpasst. Eine Bauchtasche sieht nicht besonders schick aus, aber sie funktioniert. Im Winter reicht auch die Jackentasche, solange du schnell hineingreifen kannst.
Der Einstieg: Abstand, Markersignal, Fähigkeiten
Zuerst klärt Gerd, womit sich ein Hund überhaupt belohnen lässt: Futter, Streicheln, Spielzeug. Darauf baut das Markersignal auf, ein Signal, das punktgenau sagt „das war richtig“, auch wenn die Belohnung nicht in derselben Sekunde ankommt. In schwierigen Momenten kann es außerdem die Stimmung stabilisieren.
Dann geht es nach draußen. Die wichtigste Regel für die erste Begegnung lautet: früh reagieren. Prüfe, ob dein Hund noch ansprechbar ist, und gewinne Raum, zum Beispiel in einem Seitenweg. Schaut dein Hund zum anderen Hund, gibt es das Markersignal und die Belohnung, am besten auf den Boden, damit der Kopf nach unten geht. Das fühlt sich zunächst falsch an: Warum belohnen, wenn er hinschaut? Genau das haben sich auch die beiden gefragt. Sie haben Gerd trotzdem vertraut, und der Hund konnte zum ersten Mal seit Monaten bei einem anderen Hund ruhig bleiben.
Er lernt dabei, ruhig hinzuschauen und auch wieder wegzuschauen, so wie Hunde es untereinander tun. Die Nase nach unten wirkt deeskalierend. Gerd achtet darauf, dass Menschen am Anfang ein einfaches Mittel und einen schnellen Erfolg bekommen, damit sie dranbleiben.
Später kamen Seitenwechsel, Pendeln und Bögen dazu, um frontale Begegnungen aufzulösen, außerdem Streicheln als Belohnung, was zu Beginn gar nicht möglich war. Es zeigte sich, dass der Hund eigentlich Kontakt wollte, im Nahbereich aber nicht wusste, was er tun soll. Er lernte: Hinschauen lohnt sich, Abwenden auch. Mit Gerds eigenem Hund Jim als Helfer dauerte es nur zwei, drei Einheiten, bis die Hunde dicht aneinander vorbeikamen.
„Verhalten ist immer eine Information.“
Gerd Schreiber
An der Straße sieht alles wieder anders aus
Begegnungen mit Hunden klappen schon, aber bei Autos raste der Hund weiter aus? Das kommt häufig vor. Gerd ging in diesem Fall die Dorfrunde mit und sah: Der Hund zog an der Straße, sobald ein Auto kam, und die Menschen blieben stehen, ohne dem Zug nachzugeben. Das Ziehen war kein Ungehorsam. Der Hund wollte weg, an den Grünstreifen, an die Hecke.
Die beiden gaben daraufhin mehr Leine, gingen mit und belohnten ihn. Ein- bis zweimal löste er noch aus, als das Auto am dichtesten war. Dann hatte er gelernt: Ich kann ausweichen, und meine Menschen kommen mit.
Dass sich das Gelernte nicht von allein auf die nächste Situation überträgt, gilt für beide Seiten der Leine. Den Menschen fällt es genauso schwer, vor allem an der Straße. Ist das neue Fundament da, reichen später oft kleinere Distanzvergrößerungen wie ein Seitenwechsel.
Das Exit-Target: das Glas Wasser deines Hundes
Ein Exit-Target, auf Englisch Default Behavior, ist etwas, das dein Hund tun kann, um trotzdem an Verstärkung zu kommen, wenn im Training etwas nicht mehr läuft. Das kann ein Schnüffelteppich sein, eine Matte oder ein Ball. Ohne diese Möglichkeit entsteht Frust, und die Einheit endet oft abrupt.
Geht dein Hund zum Schnüffelteppich, wirfst du ein paar Kekse hinein und startest neu. Die Sorge, dass er dann nur noch dorthin geht, beantwortet Gerd so: Dann wird es Zeit, dein Training für ihn attraktiver zu machen. Er vergleicht das mit dem Glas Wasser, das wir uns beim Lernen holen. Das heißt nicht, dass es uns nicht interessiert. Wir brauchen einfach einen Moment Pause.
Außerdem entsteht Wahlfreiheit: Dein Hund kann sich zwischen A und B entscheiden und geht in beiden Fällen nicht leer aus. Bei Gerd führt das zu ruhigeren und dadurch effizienteren Einheiten, zusammen mit kurzen Sequenzen und einer Analyse danach: Was habe ich gemacht, sodass der Hund ausgestiegen ist?
Wohlbefinden, Gesundheit und die Frage nach Strafe
Die Situation macht das Verhalten. Deshalb verändert Gerd zuerst die Situation, bevor er trainiert. Reagiert ein Hund diffus auf alles Mögliche, geht es erst einmal darum, dass er wieder atmen kann. Ein Hund, der an einem Meter Leine im Stechschritt geführt wurde, bekam zuerst eine lange Leine und Zeit zum Schnüffeln. Mit dem Training ging es erst los, als sein Stresspegel niedriger war.
Auch die Gesundheit gehört dazu. Bei akutem Humpeln geht es selbstverständlich zum Tierarzt oder zur Physiotherapie. Aus Anjas Praxis: Ein Dackel zeigte plötzlich Aggression gegenüber anderen Hunden, bei der Physiotherapie stellte sich heraus, dass ein paar Wirbel blockiert waren, und das Verhalten wurde deutlich besser.
Zur Strafe hat Gerd eine klare Einschätzung. Lerntheoretisch zeigt erst die Wirkung, ob etwas eine Strafe war. Fällt eine Pfanne herunter und der Hund meidet danach die Küche, war das eine Strafe, ganz ohne Absicht. Bewusst als Trainingsmittel braucht Gerd sie seiner Meinung nach nicht mehr: Wer das Wohlbefinden steigert und Verhaltensvielfalt aufbaut, drängt den Hund gar nicht erst in unerwünschtes Verhalten.
Zum Mitnehmen: Das kannst du diese Woche beobachten
✓Kann mein Hund in dieser Situation noch Futter nehmen, und wie nimmt er es?
✓Komme ich schnell genug an die Belohnung?
✓Zieht mein Hund zu etwas hin oder von etwas weg?
✓Wo könnte ich in der nächsten Begegnung mehr Abstand schaffen?
Geduld: Warum sich manches erst mit zweieinhalb zeigt
Gerd hat seinen Jim mit sieben Monaten übernommen. Die Jugendzeit war zäh, aber ihm wurde in belastenden Situationen immer gezeigt, was er tun kann. Mit zweieinhalb Jahren greifen diese Strategien. Junge Hunde durchlaufen Entwicklungsphasen bis etwa zwei oder drei Jahre, Herdenschutzhunde teils bis vier oder fünf. Bei Tierschutzhunden passt sich der Hund am Anfang oft stark an, nach drei bis sechs Wochen zeigen sich manchmal Probleme, und bis man weiß, wie er tickt, vergeht ein Dreivierteljahr bis ein Jahr.
Den einen Schalter gibt es im Hundetraining nicht, weil viele Faktoren zusammenkommen. In Gerds Fall waren die beiden am Ende trotzdem zufrieden: Der Hund vertraut ihnen, und er konnte sogar einmal beim Nachbarn bleiben, als sie zu einer Hochzeit wollten.
Das ganze Gespräch hören
Das Gespräch zwischen Anja und Gerd hörst du im Podcast Mind the Dog. Am Ende gibt es wie immer etwas Skurriles aus der Hundewelt.
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