
In dieser Podcast-Folge spricht Anja Petrick mit Gitti Ziegelmeier, Coach für psychische Gesundheitsprävention aus Rosenheim und Gründerin des Projekts „Balance mit Hund“. Gitti war selbst einmal Kundin in Anjas Hundeschule und bringt einen Blickwinkel mit, den man im Hundetraining selten hört: den der Prävention beim Menschen. Es lohnt sich zuzuhören, weil das Gespräch zeigt, wie viel ruhiger ein Hundeleben werden kann, wenn wir früh hinschauen, statt später zu reparieren. Und das gilt für Welpen, Ersthunde und Tierschutzhunde gleichermaßen.
Was Prävention überhaupt meint
Prävention klingt nach einem sperrigen Wort, meint aber etwas sehr Alltägliches: handeln, bevor das Kind in den Brunnen fällt. Etwas weniger flapsig gesagt geht es darum, bewusst Rahmenbedingungen zu schaffen, sich Wissen aufzubauen und eine innere Haltung einzunehmen, die spätere Schwierigkeiten kleiner macht. Im Hundeleben bedeutet das: Vieles, was uns später Kraft kostet, müssen wir gar nicht erst entstehen lassen. Wir können die Weichen früher stellen.
Gitti kennt diesen Gedanken aus ihrer Arbeit mit Menschen. In der Stress- und Burnout-Prävention geht es um dieselbe Frage: Was kann ich heute tun, damit mein Nervensystem auch in schwierigen Situationen standhält? Wer Mensch und Hund nebeneinanderlegt, sieht schnell, wie ähnlich die Antworten sind.
Es beginnt bei der Hundeauswahl
Der erste Hebel liegt da, wo viele noch gar nicht an Training denken: bei der Frage, welcher Hund überhaupt in das eigene Leben passt. Wie sieht mein Alltag aus, was sind meine Hobbys, gehen bei mir viele Menschen ein und aus oder lebe ich eher zurückgezogen, soll der Hund überall mit dabei sein? Eine Garantie gibt es nie, denn jeder Hund ist ein Individuum. Aber die Richtung lässt sich zumindest ein Stück weit mitgestalten.
Hier kommt eine sehr menschliche Falle ins Spiel: die selektive Wahrnehmung. Wir verlieben uns in eine Vorstellung – der Hund einer Freundin ist so entspannt, also wird meiner das auch – und blenden alles aus, was nicht ins Bild passt. Gitti erzählt offen, wie sie sich einmal einen ruhigen, ausgeglichenen Hund vorgestellt hatte und dann das komplette Gegenteil bekam. Was dagegen hilft, ist erstaunlich schlicht: aufschreiben, was man über eine Rasse oder einen bestimmten Hund liest, und diese Liste dann auch wirklich noch einmal durchgehen, statt nur das Wunschbild im Kopf zu behalten.
Für Menschen, die einen Tierschutzhund aufnehmen, gilt das genauso. Hier weiß man oft weniger über die Vorgeschichte, dafür umso mehr darüber, dass dieser Hund Zeit zum Ankommen braucht. Sich ehrlich zu fragen, ob das eigene Leben dafür gerade Raum hat, ist kein Misstrauen, sondern Fürsorge.
Die ehrlichste Frage überhaupt: Warum dieser Hund?
Eine Frage stellt Gitti ihren Klient:innen fast immer zuerst: Warum hast du dir einen Hund geholt? Natürlich holen wir uns Hunde auch aus eigenem Antrieb. Wir schränken uns ein, gehen eine Verpflichtung ein, und im Gegenzug erfüllt der Hund irgendein Bedürfnis, das wir selbst haben. Das ist völlig in Ordnung – niemand muss so tun, als wäre er reiner Samariter.
Der zweite Teil des Gedankens ist der entscheidende: Der Hund ist und bleibt ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen, eigenen Emotionen, eigenem Erleben. Ein Zusammenleben funktioniert auf Dauer nur, wenn die Bedürfnisse von beiden gesehen und erfüllt werden. Dazu gehört auch die Bereitschaft, Zeit, Energie und manchmal Geld in die Hand zu nehmen, um dem Hund das Leben an unserer Seite leichter zu machen. Einen Hund wieder abzugeben, weil er nicht mehr ins Lebensumfeld passt, ist für den Hund eine Katastrophe – er verliert sein gesamtes soziales Umfeld. Wer sich das vor Augen hält, trifft die erste Entscheidung gründlicher.
Körpersprache lesen – der einzige Zugang, den wir haben
Einen Menschen kann ich fragen, wie es ihm geht. Einen Hund nicht. Sein einziger Weg, mir etwas mitzuteilen, ist seine Körpersprache und sein Verhalten. Genau deshalb gehört das Lesenlernen für Gitti selbstverständlich zur Prävention dazu: Wer seinen Hund nicht lesen kann, übersieht die leisen Signale und wundert sich später über die lauten.
Das sitzt nicht von heute auf morgen, und niemand wird darin je ganz fertig. Aber es ist die Grundlage für alles Weitere, denn nur wer erkennt, wie es seinem Hund gerade geht, kann gute Entscheidungen für ihn treffen.
Resilienz – bei Mensch und Hund
Ein Kerngedanke der Folge: Man wird nicht stressresistenter, indem man sich ständig Reizen aussetzt. Das gilt für uns Menschen in einer Welt voller Nachrichten und Social Media, und es gilt für Hunde, die wir überallhin mitnehmen. Gelassenheit wächst nicht durch Dauerbeschallung, sondern durch eine gute Balance aus Anforderung und Ruhe.
Für uns selbst gibt es dabei ein wirksames Notfall-Werkzeug: den Atem. Er ist der einzige direkte Zugang zu unserem vegetativen Nervensystem, also zu den Körperfunktionen, die sonst automatisch ablaufen. Wenn die Geduld kippt – Gitti erzählt von einem Moment mit Schmerzen, in dem ihre junge Hündin kräftig an der Leine zog –, hilft bewusstes Atmen, den Punkt vor der Reaktion zu erwischen. Das funktioniert übrigens genau wie im positiven Hundetraining: Dort lernen wir, gutes Verhalten früh zu bestätigen, statt erst beim Fehler einzugreifen. Bei uns selbst können wir lernen, den eigenen Ärger früher zu bemerken, bevor er sich in einer Handlung entlädt.
Der Atem allein reicht aber nicht. Dahinter liegt die eigentliche Arbeit: an den Denk- und Verhaltensmustern, die wir über Jahre gelernt haben. Gitti spricht lieber von Balance als von Stabilität – von innerer Flexibilität im Umgang mit dem, was das Leben eben bringt. Ihr Maßstab dabei ist nicht Perfektion, sondern Kongruenz: dass mein inneres Erleben, meine Werte und mein Handeln zusammenpassen. Wir brauchen keine perfekten Menschen, sondern kongruente.
Warum Strafe keine Beziehung baut
Anja war dieses Thema gerade vor dem Hintergrund wichtig, dass in der Hundewelt zuletzt wieder verstärkt verkauft wird, Strafe sei bei manchen Hunden die einzige Lösung. Aus präventiver Sicht ist das schlicht unnötig: Wer sich vorher überlegt, wie ein gemeinsames Leben aussehen kann, braucht diese Werkzeuge gar nicht.
Ein Hund, der bewusst in einen Fehler laufen gelassen wird, um ihn anschließend zu strafen, lernt vor allem eines: Angst. Und Angst ist kein Respekt, auch wenn es im Marketing gern so genannt wird. Die Alternative ist unspektakulär und wirksam zugleich: Signale aufbauen und erwünschtes Verhalten bestätigen. Gitti beschreibt es am Beispiel ihrer Hündin, die von Anfang an dafür bestätigt wurde, auf dem Weg zu bleiben. Irgendwann gab es schlicht keinen Anlass mehr, irgendetwas zu „korrigieren“. Genau das ist Prävention: nicht das Fehlverhalten wegtrainieren, sondern es gar nicht erst zur Gewohnheit werden lassen. Und nebenbei ist normales hündisches Verhalten ohnehin kein Fehlverhalten.
Was du mitnimmst
Prävention ist keine zusätzliche Trainingsmethode, sondern eine Haltung: früh hinschauen, ehrlich mit den eigenen Bedürfnissen sein, den Hund lesen lernen und an der eigenen Gelassenheit arbeiten. Nichts davon verlangt Perfektion, und Rückschritte gehören dazu. Aber jeder dieser Schritte macht das Zusammenleben für beide Seiten leichter.
Das ganze Gespräch zwischen Anja und Gitti Ziegelmeier – mit vielen Beispielen aus dem echten Hundealltag – hörst du in voller Länge im Podcast Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.