Ruhe vs. Action – wie viel braucht dein Hund wirklich?

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„Ruf deinen Hund einfach zur Ruhe – und er beruhigt sich.“ Klingt logisch. Funktioniert leider so nicht.

In der neuesten Folge meines Podcasts Mind the Dog habe ich mich wieder mit Gerd Schreiber zusammengesetzt – Berater für Menschen mit Hunden, Dozent im deutschsprachigen Raum und jemand, der seit vielen Jahren mit gewaltfreien Methoden arbeitet. Wir haben über ein Thema geredet, das so viele Hundehalter täglich beschäftigt und trotzdem oft falsch angegangen wird: das richtige Verhältnis zwischen Ruhe und Action.

Wenn du lieber liest als hörst – hier sind die wichtigsten Punkte aus unserem Gespräch.


Es kommt auf die Lebensphase an

Gerd bringt es schon früh im Gespräch auf den Punkt: Junge Hunde brauchen mehr Bewegung als erwachsene Hunde. Welpen schlafen noch den Großteil des Tages, haben aber zwischendurch intensive Aktivphasen. Dann werden sie als Junghunde deutlich aktiver – und das ist nicht falsch, das ist Entwicklung.

Sein Jim, ein Tierschutzhund aus Russland, hat mit rund einem Jahr seine Sturm-und-Drang-Phase gehabt. In dieser Zeit war nachmittags kein Podcast aufnehmen möglich, weil der Hund einfach noch seine Energie brauchte. Heute liegt er dabei und schläft. Das ist kein Trainings-Ergebnis im klassischen Sinne – das ist schlicht Reifung.

Was das für dich bedeutet: Wenn dein Junghund keine Ruhe findet, liegt das in vielen Fällen nicht daran, dass er „es nicht gelernt hat“. Es liegt daran, dass er gerade in einer Phase ist, wo sein Körper und sein Gehirn mehr Action brauchen als du vielleicht planst.


Der Bremsweg – ein Bild, das bleibt

Eines der schönsten Bilder aus dem Gespräch ist der Bremsweg. Ein Auto bremst auch nicht von hundert auf null. Und ein Hund, der gerade einen aufregenden Spaziergang hatte, kann nicht einfach auf Kommando abschalten.

Was viele Hundehalter nicht auf dem Schirm haben: Wenn ein Hund nach dem Spaziergang nach Hause kommt und nochmal aufploppt, durch die Wohnung düst oder unruhig ist – das ist kein Zeichen, dass er zu wenig Auslauf hatte. Es ist ein Zeichen, dass er draußen belastet war. Der Spaziergang war keine Entspannung, sondern Stress. Und der Körper will diesen Stress jetzt loswerden.

Gerds Lösung: den Übergang bewusst gestalten. Nach dem Spaziergang nochmal eine Futtersuche auf der Terrasse. Ein bisschen spielen. Kuscheln. Und dann schauen, wann der Hund von sich aus zur Ruhe kommt. Bei Jim hat er diesen Bremsweg aktiv trainiert – hochfahren, runterfahren, wieder spielen, runterfahren – und er hat irgendwann gemerkt, wie der Hund anfing, Pflegeverhalten zu zeigen (Pfote lecken, sich selbst putzen) und sich dann von alleine hinlegte.

Das klingt aufwendig. Und ja, am Anfang ist es das auch. Aber Gerd sagt es selbst: Wer sich diese zehn bis fünfzehn Minuten danach nimmt, kann danach wirklich in Ruhe arbeiten. Wer sie sich nicht nimmt, beschäftigt sich stattdessen damit, den Hund vom Bücher zerlegen fernzuhalten.


Das Ballspiel – nicht das Problem, aber das Ende macht’s

Ballspielen ist nicht grundsätzlich schlecht. Das hören wir im Gespräch mehrfach. Was das Problem ist: wie man das Spiel beendet.

Ein Hund, der gerade mit voller Energie Ball gespielt hat, befindet sich mitten in einer Beutefangsequenz – Orientieren, Hetzen, Packen. Wenn der Ball dann einfach weggesteckt wird und das Spiel abrupt endet, ist der Hund auf dem Höhepunkt seiner Erregung – ohne Abschluss. Dieser Frust verbindet sich mit allem, was gerade da ist: dem Ball, der Bewegung, dem Besitzer.

Das führt dazu, dass der Hund beim nächsten Mal schon beim Anblick des Balls in diese hochgespannte, frustrationsgeladene Erregung geht.

Besser: das Spiel langsam ausschleichen. Die Erregung von zehn auf neun auf acht – Schritt für Schritt runter. Ein paar Kekse streuen. Nochmal kurz spielen, dann ruhiger werden. Und am Ende: Futter suchen lassen. Weil die Beutefangsequenz natürlich mit Konsumieren endet. Wenn du das weglässt, fehlt dem Hund der Abschluss.

Ich habe das bei Kisha – meiner Labrador-Mix Hündin, die jahrelang ein totaler Balljunkie war – selbst ausprobiert. Tannenzapfen statt Ball. Immer an denselben zwei, drei Stellen. Futtersuche zum Abschluss. Und dann erst, wenn sie entspannt war, das Signal „fertig“. Danach war sie auf dem Rest des Spaziergangs ansprechbar, hat geschnüffelt, mit anderen Hunden gespielt. Was vorher mit einem Ball in der Tasche komplett unmöglich war.


Entspannung ist kein Gegenteil von Erregung – sondern ein Zeichen von Wohlbefinden

Das finde ich persönlich einen der spannendsten Gedanken aus dem Gespräch, weil er etwas aufräumt, das viele von uns so nie hinterfragt haben.

Früher hat man Entspannung und Erregung als Gegensatzpaar gesehen. Entweder erregt oder entspannt. Gerd sieht das heute anders: Ein Hund kann bei hoher Aktivität entspannt sein – wenn es ihm dabei gut geht. Wenn seine Bedürfnisse befriedigt werden. Ein lauffreudiger Hund, der rennen darf, ist auch beim Rennen entspannt. Ein Hund, dem das Rennen ständig verwehrt wird, ist in der Ruhe angespannt.

Das bedeutet: Ob ein Hund zur Ruhe kommt, hängt weniger von der Aktivität ab – und mehr davon, ob er zufrieden ist.

Wenn Bedürfnisse immer wieder blockiert werden, entsteht Frustration. Die steigert die Erregung. Die Erregung führt zu Verhalten, das uns nervt. Wir reagieren mit mehr Kontrolle und Einschränkung. Die Frustration steigt weiter. Ein Kreislauf, den viele kennen.

Der Ausweg: erst fragen, was braucht dieser Hund – und dann schauen, wie du das so gestalten kannst, dass es für alle klappt. Zehn-Meter-Leine raus, laufen lassen, schauen was passiert. Manchmal ist das der entspannteste Spaziergang, den du je hattest.


Frustrationstoleranz entsteht nicht durch Frustrieren

Auch das ein Thema, das immer wieder kommt: „Der muss das aushalten lernen.“ Ja. Aber wie?

Frustrationstoleranz lernt ein Hund nicht dadurch, dass man ihn frustriert und dann wartet, bis er aufgibt. Das hat Nebenwirkungen. Er lernt sie dadurch, dass er versteht: Wenn das gerade nicht geht, gibt es eine andere Möglichkeit, mein Bedürfnis zu befriedigen. Und – das ist der entscheidende Punkt – dass er dabei gut drauf ist.

Ein Hund, dessen Grundbedürfnisse erfüllt sind, der sich wohlfühlt und dem sein Alltag passt, kann mit frustrierenden Situationen viel besser umgehen als ein Hund, der chronisch unterversorgt oder überstimuliert ist.

Und in der Pubertät? Da ist das Gehirn noch im Umbau. Die Wahrnehmung verändert sich täglich. Der Stresslevel ist sowieso höher. Genau in dieser Phase von einem Hund zu verlangen, dass er „das jetzt mal lernt“ – das ist, als würde man von einem Teenager verlangen, dass er aufhört, ein Teenager zu sein.


Was das praktisch bedeutet

Hier ein paar konkrete Dinge, die du sofort mitnehmen kannst:

Plane den Bremsweg ein. Wenn du eine Stunde Zeit hast, geh eine halbe Stunde spazieren – und nimm dir danach noch zwanzig Minuten für den Übergang. Futtersuche, ruhiges Spielen, Kuscheln. Dein Hund braucht diese Zeit, um wirklich anzukommen.

Beende Beutefangspiele mit Futter. Nach jedem Ball- oder Zerrspiel: ein paar Leckerchen streuen. Lass den Hund suchen. Das schließt die Sequenz ab und gibt dem Körper das Signal, dass die Jagd vorbei ist.

Schau dir die Stellen an, wo die Erregung schlagartig hochschießt. Meistens steckt dahinter Frustration oder ein Konflikt. Wenn du das erkennst – Frust rausnehmen. Ein paar Kekse streuen, ein anderes Angebot machen, die Situation entschärfen.

Mach die Welt für deinen Junghund erstmal groß. Statt das Korsett eng zu schnüren: zeig, was dir gefällt, wenn der Hund es tut. Belohn das. Und dann lass das langsam wachsen. Das ist eleganter und wirkungsvoller.

Vertrau dem Prozess. Jugendentwicklung beim Hund dauert zwei bis drei Jahre. Das ist kein Ereignis, das ist eine Phase. Sie geht vorbei.


Zur Podcast-Folge

Alles, was ich hier aufgeschrieben habe, ist nur ein Ausschnitt. Im Podcast geht Gerd noch tiefer auf die Beutefangsequenz ein, erklärt, warum Zerlegen für manche Hunde so wichtig ist, und wir reden auch darüber, warum so viele Hundehalter – und sogar Trainer – Angst vor Belohnungen haben. (Und das ist wirklich skurril. Spoiler: Das Timing für einen Schubs muss offenbar nicht stimmen. Das Timing für ein Leckerchen schon.)

Wenn du reinhören willst, findest du die Folge überall, wo es Podcasts gibt – einfach nach Mind the Dog suchen. Und wenn du mich unterstützen möchtest, schau gern auf Steady vorbei. Da bekommst du neue Folgen eine Woche früher, extra Workbooks und Zusatzmaterial.

Den Link findest du hier: Steady – Mind the Dog

Und wenn du Fragen hast oder Themenwünsche für zukünftige Folgen – schreib mir einfach. Per WhatsApp, per Kommentar, oder über den Kanal. Ich freue mich immer, zu hören, was euch bewegt.

Bis bald und achtet auf euch und eure Hunde.

Anja

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